Würzburg: Wer war der Zug-Attentäter? Fragen nach dem Warum und Lösungsansätze

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"Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann, und bete für mich, dass ich in den Himmel komme." Zitat ARD Tagesthemen // "Gewalterfahrungen im Elternhaus im Herkunftsland sind der beste Hinweis auf spätere Verhaltensprobleme, sogar mehr als Krieg oder Schrecken des Fluchtweges" // Muslimische Communities müssen zu einem demokratischen, humanistischen Islam finden, der ohne Wenn und Aber hinter den Menschenrechten steht.

Nun ist er da, der IS Terror mitten unter uns in Deutschland. Oder war es ein Einzeltäter, ein sogenannter "Einsamer Wolf"? Ein Amoklauf eines Verwirrten? Ein tieferes Nachdenken über die Thematik ist notwendig.

"Die Grenzen zwischen Amoklauf und terroristischem Anschlag verschwimmen", lesen wir beim SPIEGEL. "Man muss nur im letzten Augenblick vor dem Attentat noch `IS` sagen oder `Allahu akbar` schreien. Und schon ist man Staatsfeind - und nicht mehr der Versager von nebenan."

Doch gleich ob IS-Terror in der Gruppe oder als Einzeltäter: Bislang konnten in Deutschland schwere Blut-Taten verhindert werden* - auch dank der Prävention von Polizei und Geheimdiensten (von den vielen Terrorakten im Ausland mal abgesehen). Doch seit dem Verbrechen in Würzburg, der Bluttat eines 15-jährigen Mädchens in Hannover und zuvor die Ereignisse in der Kölner, Stuttgarter und Hamburger Sylvesternacht, hat sich das Blatt gewendet. Wie sicher ist Deutschland vor Taten von verbrecherischen Flüchtlingen, vor Terror-Taten des IS?

* Das hat sich leider am 19.12.2016 bei dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche brutal geändert. Der islamistische Attentäter Anis Amri hatte am 19.12.2016 einen Sattelzug geraubt und steuerte ihn gegen 20 Uhr in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, der auf dem Breitscheidplatz im Berliner Ortsteil Charlottenburg stattfand. Durch die Kollision mit dem Lkw starben elf Besucher des Weihnachtsmarktes und weitere 55 Besucher wurden verletzt, einige davon lebensgefährlich. Das zwölfte Todesopfer war der Speditionsfahrer des Lkw, der im Führerhaus starb.

 

Die Menschen in Deutschland fragen sich, wie konnte die Tat geschehen? Wer war der Täter und wie konnte er zum Täter werden? Konnte das Verbrechen nicht verhindert werden? Hat der sogenannte IS damit zu tun?

Was wir wissen:
Der Täter ist in Ochsenfurt in den Regionalzug gestiegen und ging kurz vor Würzburg mit einer Axt und einem Messer auf die Fahrgäste los. Der Attentäter habe "mit unbedingtem Tötungsvorsatz gehandelt" und "mit großer Wucht" auf "Körper und Köpfe" seiner Opfer eingeschlagen.

Vier Menschen wurden schwer und einer leicht verletzt. Drei Menschen schweben in Lebensgefahr. Auch eine Passantin wurde verletzt. Wenig später wurde der Täter auf der Flucht von einem Polizisten mit Spezialausbildung erschossen.

Wer war der Täter?
Riaz A. war ein 17-jähriger sogenannter unbegleiteter Flüchtling, vermeintlich aus Afghanistan.

50.000 sogenannte "unbegleitete Flüchtlinge" leben in Deutschland (Quelle: ARD Fakt / Tagesthemen).

Der Täter wurde im "Kolpingwerk" in Ochsenfurt (11.000 Einwohner-Ort unweit von Würzburg) betreut. Dort habe er seit zwei Wochen in einer Pflegefamilie gelebt, zuvor soll er in einem Kolping-Heim gelebt haben", berichtet der Focus.

Unauffällig?
Dort sei man "gegenüber den Flüchtlingen sehr aufgeschlossen" gewesen. Es habe bislang "nie Probleme gegeben", man organisierte Fahrradspenden und eine Kleiderkammer. "Es gab bei uns noch niemals in irgendeiner Form einen Vorfall. Es ist ein sehr friedlicher und guter Umgang miteinander", heißt es weiter beim Focus. Aussagen von Mitarbeitern müssen mit aller Vorsicht betrachtet werden.

Was hat der IS mit der Tat zu tun?
Übereinstimmende Pressemeldungen berichten, dass die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Attacke für sich beansprucht. Sie beruhen sich auf die dem IS nahestehende Nachrichtenagentur Amak. Nach dem bisherigen Ermittlungsstand gebe es "keinerlei Indizien" für eine Vernetzung des 17 Jahre alten Angreifers mit islamistischen Netzwerken, sagte hingegen Bayerns Innenminister Herrmann.

In der ARD wird vermeldet, dass "seine Attacke wohl politisch motiviert gewesen sei". Der Täter wollte "sich an `den Ungläubigen dafür zu rächen, was sie ihm und seinen Glaubensbrüdern angetan haben"`.  Dabei habe er drei Mal auf arabisch `Gott ist groß` gerufen. Einmal sei dies auch auf dem in der Rettungsleitstelle aufgezeichneten Notruf zu hören."

In weiteren Pressemitteilungen wird von einem "Droh-Video des Zug-Angreifers von Würzburg" berichtet. Das Video sei "sowohl den Bundessicherheitsbehörden als auch dem Ministerium bekannt", eine "sorgfältige Auswertung" dauert an. Quelle: T-Online

Flüchtlinge sind keine Spielwiese / Gewalterfahrungen im Elternhaus im Herkunftsland der beste Hinweis auf spätere Verhaltensprobleme

Wenn man die Presseberichterstattung betrachtet, spricht vieles dafür, dass sich der junge Mann radikalisiert hat. Doch wie wird ein junger Flüchtling zum Täter?

Birgit Gärtner schreibt bei Facebook: "Die meisten von ihnen (Anmerkung des Verfassers: "Flüchtlinge") sind schwer traumatisiert. Vor allem Minderjährige.  (...) Flüchtlinge sind keine Spielwiese. Lasst uns aufhören Kuchen zu backen, und Tee zu kochen! Sondern anfangen, darüber nachzudenken, wie wir menschenwürdige Bedingungen schaffen können.  (...) Zu einem menschenwürdigen Leben gehört eine menschenwürdige Unterkunft, Bleibeperspektive, professionelle psychologische und medizinische Hilfe, Zugang zu Bildung, Ausbildung und Arbeitsmarkt, zu einem grundsätzlich reformierten Arbeitsmarkt".

Psychologische Betreuung von "unbegleiteten Flüchtlinge"
Maggie Schauer, Trauma-Expertin am Kompetenzzentrum Psychotraumatologie der Uni Konstanz, geht auf den psychologischen Zustand von "unbegleiteten Flüchtlingen" ein, sie schreibt:  "(...) Ein hoher Prozentsatz der minderjährigen Geflüchteten (ist) traumatisiert – 30 Prozent der begleiteten und sogar 40 Prozent der unbegleiteten. Es zeigte sich, dass Gewalterfahrungen im Elternhaus im Herkunftsland der beste Hinweis auf spätere Verhaltensprobleme sind, sogar mehr als Krieg oder Schrecken des Fluchtweges, die auch zu späteren Problemen beitragen."

Allerdings spielen "verschiedene Faktoren eine Rolle", bis es zu einer Tat kommt. Nach Maggie Schauer gäbe es drei Säulen, die zu einer solchen Konstellation führen können. 1: Gewalterlebnisse als Kind in der eigenen Familie, 2. soziale Ausgrenzung, geringe Anerkennung und Einbindung in die Gruppe. 3. Eine äußere Legitimation (z.B. Anwerben durch den IS).

Besonders unbegleitete Flüchtlinge seien besonders anfällig und gefährlich, wie Extremismusexperte, Psychologe und Bestsellerautor Ahmad Mansour zu berichten weiß: "Seit Sommer 2015 warne ich davor, dass die Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sehr gefährdet ist. Das sind Menschen, die alleine sind, nach Orientierung, Sicherheit und Vaterfiguren suchen. Es gibt noch keinen Beleg dafür, dass das hier so gewesen ist. Aber generell wissen wir, dass Islamisten immer wieder versuchen, diese jungen Leute für sich zu gewinnen." (Zitat ntv)

Die Politik müsse "Farbe bekennen", berichtet er in der "causa tagesspiegel'": "Die Politik ist aus Angst vor den Rechtsradikalen sehr unkritisch geworden. Nach jedem Anschlag werden ein paar Millionen für Präventionsarbeit freigegeben. Aber einen Plan, ein flächendeckendes Konzept für die Bekämpfung von Islamismus gibt es nicht. "

Doch wie müsste eine Prävention aussehen? Wie sollen wir mit straffälligen Flüchtlingen umgehen?

Dazu ein paar Zahlen: Im Jahre 2015 sind rund 60 000 Kinder und Jugendliche mit traumatischen Belastungen zu uns gekommen. Dem gegenüber stehen aber nur 5000  niedergelassene Kinder- und Jugendtherapeuten.

Will heißen: Es besteht eine chronische Unterversorgung. Es ist höchste Zeit, dass die Politik nachlegt: Wir benötigen mehr Kinder- und Jugendtherapeuten.

Maggie Schauer: "Wir müssten systematische Voruntersuchungen einbauen. Gerade die zurückgezogenen Jugendlichen sind alleine mit ihrem inneren Druck. Wichtig sind Schulungen für Screenings, um zu identifizieren, wer Hilfe braucht: Bei wem brennt's? Welcher Jugendliche leidet psychisch?

Geeignete erwachsene Flüchtlinge könnten angeleitet werden zu helfen, zumal unter ihnen Ärzte, Pfleger oder Lehrer sind. Das machen wir in Situationen, in denen international das Gesundheitssystem überfordert ist. Solche Methoden sind gut und erfolgversprechend." Quelle: mainpost

Präventionen an Schulen

Mansour führt fort: "Seit zwei, drei Jahren gibt es viele Bemühungen, Lehrer und Sozialarbeiter und Flüchtlingshelfer  fortzubilden. Es gibt aber leider noch immer viele, die nicht in der Lage sind, radikale Tendenzen zu erkennen." Man müsse Schulen und Sozialarbeit reformieren, in den Schulen über aktuelle politische Themen reden und kritisches Denken anregen.

Er warnt jedoch davor den Terror zu "pathologisieren", man müsse auch "über soziologische und psychologische Faktoren, aber auch über die zugrunde liegende Ideologie reden".

Brutstätten der Gewalt: patriarchale Erziehung & "islamistische Ideologie"

Mansour kritisiert eine "islamistische Ideologie", die bei Muslimen auch in Deutschland "sehr weit verbreitet" sei (wie in  der "Ablehnung der westlichen Kultur, die Verteufelung unserer Grundrechte, bestimmte Opfer- und Feindbilder") .  Das bekäme man "nicht nur in manchen Moscheen oder bei Salafisten gelehrt" sondern sei schon "in der patriarchalen Erziehung angelegt".

Muslimische Communities seien hier kritisiert und gefordert zu handeln: Sie müssen zu einem demokratischen, humanistischen Islam finden, der ohne Wenn und Aber hinter den Menschenrechten steht. Quelle: NTV

Ahmad Mansour glaubt, dass der Würzburger Anschlag nicht der letzte in Deutschland war. Er hoffe, dass er falsch liege. Wollen wir mit ihm hoffen.

Foto (Archiv): Willi Schewski

Über den Autor

Willi Schewski
Seit 2008: mobile journalist, Multimedia Storyteller. Mobiler Reporter. Fotojournalist. Fotograf. Blogger