Rezension zu: „Putins verdeckter Krieg. Wie Moskau den Westen destabilisiert“ / Nichts ist reiner als die Wahrheit

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Von Willi Schewski. „Sie haben Ihr Todesurteil unterschrieben“, heißt es am Ende des über 300 Seiten starken Buches „Putins verdeckter Krieg. Wie Moskau den Westen destabilisiert„, das im Frühjahr diesen Jahres im Verlag Econ erschienen ist. Der Autor: Boris Reitschuster. Diese Warnung kam von „prominenten Moskauer Politikern mit besten Drähten“ und bezog sich auf sein vorheriges Buch „Putins Demokratur: Ein Machtmensch und sein System“ und Reitschuster lässt folgen: „Das vorliegende Buch dürfte vielen noch unangenehmer aufstoßen als „Putins Demokratur“ (Seite 304).

Um es vorwegzunehmen: dieses Buch stieß beim Verfasser in der Tat auf, jedoch positiv. Boris Reitschuster zeigt Verbindungen auf, die dem deutschen Bürger großteils vorenthalten blieben. Es machte zwar ob seiner Brisanz, seiner schonungslosen Offenheit im Bezug auf das System Putin und seine Destabilierungsaktionen angst, öffnete aber gleichzeitig die Augen, es analysiert scharf die Fakten und Tatsachen und zeigt: wie feige und unterwürfig halbherzig der Westen, insbesondere Deutschland auf die Aggressivon des Wladimir Wladimirowitsch Putin (Владимир Владимирович Путин) und seine kleine kriminelle Clique reagiert. Das Buch findet vollste Würdigung und sei empfohlen. Warum? Das werde ich hier erläutern*.

Bild: Boris Reitschuster // This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Bild: Boris Reitschuster // This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Zunächst ein paar Zeilen über den Autor (und dass, was die Presse über ihn berichtet). Boris Reitschuster arbeitete bereits als Deutschlehrer und Dolmetscher in Moskau, bevor er Journalist wurde. Nach Stationen bei der Augsburger Allgemeinen und den Presseagenturen dpa und AFP leitete er von 1999 bis 2015 das Moskauer Focus-Büro. 2011 musste Reitschuster „nach Anfeindungen und Drohungen“ Russland verlassen, gilt er doch als „einer der schärfsten Putin-Kritiker in Deutschland“ (Quelle: Webseite Boris Reitschuster). Heute lebt er als Publizist in Berlin.

Im Magazin „CICERO“ wird Reitschuster als einer „der führenden Russland-Experten in Deutschland“ bezeichnet, der, wie es in der WELT hieß, „besser (wie) noch keiner das russische Machtsystem beschrieben“ habe. Der Merkur schreibt, Reitschuster betreibe eine „ungeschminkte, gnadenlose Abrechnung mit dem System Putin“.

Ähnlichkeiten der Entwicklung mit den 1930er Jahren?
Reitschuster hätte, wie wir in seinem Vorwort erfahren, „lieber … ein anderes Buch geschrieben. Über die wunderbaren Menschen, … und die „vielen wunderbaren Erlebnisse“. Dennoch wäre es für ihn „ein Verrat an diesem Land und und seine Menschen, so zu tun, als sei nichts geschehen“. Eine „kleine kriminelle Clique“ privatisierte, ausbeutete Russland. Menschen, Presse und Opposition würden unterdrückt, das Volk würde mit Gehirnwäsche manipuliert und das Ausland mit einem hybriden Krieg überzogen. „Dieses System neutral gegenüberzustehen wäre moralisches Versagen“ (siehe Seite 11, „Vorwort“) meinte Reitschuster (Zur Unterstützung, hier das Inhaltsverzeichnis).

Er zöge es vor, seine „Meinung zu sagen“. Ein Journalist müsse, wenn er mit einem Unrechtsstaat konfrontiert sei, die „Rolle des neutralen Beobachters“ verlassen, er müsse Position beziehen sonst mache er sich „zum nützlichen Idioten“. Scharf und weitseitig formuliert er (Seite 12): „Wer Putins System rechtfertigt, wer die Misstände dort relativiert“, zeige damit, dass er „aus der Geschichte nichts gelernt“ habe. Es gäbe „Ähnlichkeiten der Entwicklung mit den 1930er-Jahren“ und man könne diese „nicht übersehen“.

Reitschuster sehe in dem Vorgehen Moskaus Ähnlichkeiten mit Stasi und KGB. Er sehe, wie „Moskau den Westen destabilisiere“, Putin „nutze die Schwächen unserer Gesellschaft, … gnadenlos aus“. Putin strebe „ein Europa von Wladiwostok bis Lissabon“, ein Eurasien – unter Russland Führung. Purer Expansionsdrang. Mir diesem stehe er „fest in der Tradition seiner Vorgänger, der Zaren und Generalsekretäre“.

Krieg? Welcher Krieg?
Mit was für eine zynische und krude politische Figur die westliche Welt mit Putin konfroniert werden sollte, zeigte sich schon 1999. Putin, gerade vom Geheimdienstchef zum Premierminster aufgestiegen, sagte dem US-Präsidenten Clinton gegenüber: „Ihr habt Amerika vom Norden bis ganz in den Süden, Ihr habt Afrika, Asien. Ihr könnt uns wenigstens Europa lassen„. Seinerzeit mochte man dieses noch in Russland als einen Witz sehen, heute „lacht niemand in der Opposition mehr.“ (siehe Seite 15, Kapitel „Eine Warnung – Ein Witz„).

Dabei schien es am Anfang seiner Macht, noch Hoffnung zu geben. Reitschuster beschreibt dieses unter dem Kapitel „Die Charme-Offensive – Ein tragisches Missverständnis„.  2011, kurz nach 9/11, hatte Putin Deutschland besucht und hielt vor dem Deutschen Bundestag eine Rede, er sprach von „Partnerschaft“ zwischen Europa und Russland. Der damalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder „zeigte sich dann auch schon von der Rede derart angetan, dass er auf … Kritik an dessen Tschetschenien-Krieg verstummen lassen wollte: `Ich habe gemeint, dass es in Bezug auf Tschetschenien zu einer differenzierteren Bewertung der Völkergemeinschaft kommen muss und sicher auch kommen wird`.“. Die später ermordete Putinkritische Journalistin und Autorin Anna Politkowskaja zeigt sich empört und kritisierte die „wohlwollende Politik der Bundesregierung und das Verhalten der deutschen Wirtschaft gegenüber Putin“. Zitat Süddeutsche Zeitung.

Rückschaltung zum „Kalter-Krieg-Modus“
Das Ende der Putinschen Charme-Offensive deutete sich zwischen 2002 und 2004 an, wie unter dem Kapitel „Die Eiszeit – Pranoia als Staatsdoktrin“ zu lesen,  als die ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Litauen und Lettland sowie Bulgarien, Rumänien und die Slowakai und Slowenien der NATO beitraten, die USA im März 2003 gegen den Irak in den Krieg zog und in der Ukraine der prowestliche Viktor Juschtschenko am 26.12.2004 in der Folge der Orangenfarbenen Revolution demokratisch (in einer Stichwahl) als Präsident  gewählt wurde. Im Zuge der Entwicklung halten sich – bis heute – Verschwörungstherorien, die USA und der CIA hätten „die Demonstranten allesamt bezahlt und auf die Straße geschickt“. Diese widerlegt Reischuster mit Fakten: Die Hilfe der USA (65 Millionen), die tatsächlich bestand, wäre ein Klacks „im Vergleich zu den Mitteln, die aus Moskau kamen“ („rund 800 Millionen US-Dollar“; siehe Seite 51).

Putin musste die orangene Revolution als eine Niederlage betrachten, sie brachten, wie Reitschuster schreibt, „die Welt des Wladimir Putin in Wanken“ (siehe: Seite 50, 51). Er fürchtete eine orangene Revolution in seinem eigenen Lande und um seine Macht. Der Westen, die USA im Ausland und die Opposition und die Presse in Russland bekommen nun die neue Kälte des Diktatoren aus Moskau zu spüren: mit der massiven Verbreitung von Lügen und Verschwörungstheorien, die den Westen und die USA treffen und schwächen sollten. „Der Kreml-Chef schaltet auf den `Kalter-Krieg-Modus` um“, schreibt Reitschuster. „Wir haben Schwächen gezeigt. Und die Schwachen werden geschlagen“, zitiert der Autor Putin. Am 23.02.2012 sagte Putin mit glänzenden Augen und im pathetischen Ton „die Schlacht um Russland geht weiter. Wir werden siegen. Wir sind ein Sieger-Volk, das haben wir in den Genen“.

Die Mafia ist unsterblich
Ein weiteres Bestandteil der Putinschen Staatsdoktrin sei, neben Verschwörungstherorie und Antiamerikanismus, diese: die Mafia.  Unter dem Kapitel „Das System Putin – `Die Mafia ist unsterblich`“ berichtet Reitschuster von einer „Datschenkooperative `Osero`am 11. November 1996 von acht Männern gegründet“, unter ihnen: Putin sowie Juri Kowaltschuk, Wladimir Jakunin, Andrej Fursenko, Wladimir Smirnow – alles Namen die in dem Buch zur Rede kommen. Die Datschen-Kooperative Osero sollte auch im Zusammenhang mit der Panama Papers Affäre und Putins Mitwirken genannt werden.

Ebenso fällt der Name Putin um die Peterburger Korruptionsaffäre. In Deutschland „herrschte und herrscht … eine merkwürdige Verweigerungshaltung in der Öffentlichkeit, was Putins Verbindungen zur organisierten Kriminalität angeht. Angst geht hier in Verdrängung über“, beides „sei gefährlich“, schreibt der Autor (siehe Seite 94). Und Deutschland tät das Übrige, um den „Dunst der Strafvereitelung“ fortzutreiben: Ex-Kanzer Gerhard Schröder habe in seiner Regierungszeit „die Abteilung zur Bekämpfung der organiserten Kriminalität aus der früheren Sowjetunion im Bundeskriminalamt de facto aufgelöst“ (siehe Seite 96) und habe, entgegen Warnungen des BND, einen „russischen Obligarchen“ im Kanzleramt empfangen, „dem seit langem enge Verbindungen zur organisierten Kriminalität nachgesagt werden: Oleg Deripaska“ (siehe Seite 96).

**Fazit: Pflichtlektüre
Um der Kürze willen, möchte ich hier einen Schnitt machen und meine Gedanken über das Buch wie folgt zusammenfassen: Boris Reitschuster hat ein  hervorragendes und exzellent recherchiertes Werk vorgelegt. Und es ist, trotz seiner vielen Informationen, einfach und flüssig zu lesen. Der Leser kommt über die von Reitschuster zusammengefaßte(n) Geschichte(n) ein Bild von Russlands Machthaber in einem Buch an die Hand, dass, selbst bei größter Mühe, nur mühsam zusammenzufügen und zu analysieren wären. Quellen und Verzeichnisse kann jeder prüfen und zur Vertiefung nutzen – und die Fülle sucht Seinesgleichen.

Der große Verdienst des Buches liegt vor allem in Reitschusters Akribi, Recherchekunst und Quellenreichtum: Wie er Putins Strategien offen legt, verdeckte Manipulation aufzeigt, uns vorführt wie Geheimdienste, Sicherheitskräfte und organisierte Kriminalität ticken und eine eine Symbiose bilden – all dieses könnte, nein sollte uns um den Erhalt unserer Demokratie beunruhigen.

Wir lesen von reichen von gekauften oder erpessten Eliten in den Zielländern („Die Maulwürfe – des Kremls Honigfalle“),, hauptberuflichen Internet-Trollen („Unsichtbare Krieger – Putins Troll-Armee“) zur Meinungsmanipulation („Desinformation-eine hohe Kunst“) bis hin zu Förderung von Gewalt („Mit Systema — Putins deutsche Kampftruppe“) und Finanzierung politischer Extremisten („Die Querfront-Moskaus fünfte Kolonne“, „Recht(s) radikal – Putins unheilige Allianz“) . Beschämend, wie Reitschuster die Unsensibilität der Öffentlichkeit und der Medien („Entschlossen unentschlossen – die deutschen Medien“) und die Putin-Versteherei in der Politik („Stasi und SED – Geschichte zweier Untoter“) aufzeigt.

Nichts ist reiner als die Wahrheit / „Wehrt euch – ein Aufruf“
Und dann dieses: das Verschwinden eines russlanddeutschen Mädchens in Berlin und das Einschalten und Eingreifen des russischen Außenministers in den Fall und in die deutsche Innenpolitik; die Kölner Sylvester-Ereignisse und die perfekt organiserte Demonstration besorgter Russlanddeutsche: da kommt man schon ins Grübeln ob der Zukunft, ob der demokratischen Rechtsordnung in Deutschland.

„Das vorliegende Buch dürfte vielen .. unangenehm aufstoßen“, ja, da hat der Reischuster Recht. Ich danke für diese Fülle an Informationen und für dieses Buch und wünschte auch weitere Bücher von Boris Reitschuster, die vielen unangenehm aufstoßen, denn nichts ist reiner als die Wahrheit!

 

Über den Autor

Willi Schewski
Seit 2008: mobile journalist, Multimedia Storyteller. Mobiler Reporter. Fotojournalist. Fotograf. Blogger

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