Rezension zu „MEIN BETTELBRIEF: PROMINENTE ANTWORTEN“ von Joachim Rönneper

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Von Willi Schewski. Am 08. Mai 2017 ist im Verlag Arachne das 93 Seiten starke Buch „MEIN BETTELBRIEF: PROMINENTE ANTWORTEN“ von dem Autor Joachim Rönneper (gleichzeitig Herausgeber) erschienen. Renneper (geboren 1958 in Düsseldorf) hatte bundesweit 175 prominente Persönlichkeiten aus Politik Film und Medien angeschrieben, um auf das Problem der Altersarmut aufmerksam zu machen. 40 Antworten sammelte Rönneper in diesem Buch. Es enthält interessante Aspekte und regt zur Diskussion an und bietet Stoff für eine Debatten-Grundlage.

Wie kam es zu dem Buch?
Rönneper hatte kurz vor Weihnachten 2016 bei der Kölner Hilfsorganisation Tafel e. V. angerufen. Er bat um Lebensmittelausgabe und begründete diese damit, dass er altersarm sei, eine volle Erwerbsminderungsrente erhielt und lebenslang auf aufstockende Leistungen angewiesen sei. Doch die Tafel teilte Rönneper mit, dass er „aufgrund der hohen Nachfrage `bis zwei Jahre`auf eine Lebensmittelausgabe warten müsse“.

Daraufhin verfasste er seinen „Bettelbrief“ und schreib 175 prominente Personen aus ganz Deutschland an. In diesem drückte er seinen Unmut über die lange Wartezeit bei der Kölner Tafel aus und wies auf das Thema Altersarmt hin, von der er ja direkt betroffen sei.

„Armut steht Schlange“, schrieb er in seinem „Bettelbrief“ und formulierte: „Folgt daraus nicht eine zwangsverordnete Diät? Schürt nicht die Tatsache der Warteliste Neid unter den `Mittellosen`, den Asylberwerbern und Hartz-IV-Empfängern? … Lebenshunger mach nicht satt? Was raten Sie mir persönlich? Als Zeuge `relativer Armut`im Wissen um die gesamtgesellschaftliche Problematik beabsichtige ich, die Antworten veröffentlichen zu wollen: ein gesammeltes Meinungsbild zur Armut in Deutschland“. Zitat Joachim Rönneper, „MEIN BETTELBRIEF: PROMINENTE ANTWORTEN“, Seite 9.

Einladung in die Maischberger Live-Sendung
Unter anderem schrieb Rönneper die bekannte TV-Moderatorin und Journalistin Sandra Maischberger an. Diese, bzw. die Redaktion, reagierte, er könne sich doch als Gast um die Sendung „Millionär oder Minijobber: Ist Deutschland ungerecht?“ bewerben.

Das tat Rönneper und er wurde angenommen und kam in der Maischberger Live-Publikumsdebatte in der ARD zu Wort. Er stellte seine berufliche und private Situation dar und kritisierte, dass die Hartz-IV bzw. Grundsicherungsleistungen viel zu gering seien, um damit seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Im Weiteren zitierte aus seinen „Bettelbrief“ (siehe ab Min. 39). Sehr interessant die Reaktion aus dem Publikum und der Politiker:

Doch zurück zu dem Buch, wobei der Begriff Buch nicht korrekt wäre, es handelt sich um eine Broschüre mit Ausmaße 11,8 x 1 x 17 cm: Rönneper beklagte in seinem „Bettelbrief“, den er in seinem Buch präsentiert, die Wartezeit von zwei Jahren bei der Tafel, um an der Lebensmittelausgabe teilnehmen zu können. Doch das ist mittlerweile überholt: Wie Rönneper dem Verfasser per E-Mail mitteilte, könne er „bei der Kölner Tafel (Elisabethkorb) … seit dem 2. Juni 2017 … teilnehmen“.

Auch wenn der Buchinhalt der Aktualität -naturgemäß- hinterherhinkt, so darf man die Antworten der Promis, die Herrn Rönneper auf seinen „Bettelbrief“ gegeben werden, als Zeitdokument bewerten. Markanteste, aus Sicht des Verfassers, seien hier kurz zusammengefasst genannt:

– Dr. Gregor Florian Gysi, Jurist, Rechtsanwalt und Politiker (SED, PDS, Die Linke), Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 17. Dezember 2016 Präsident der Europäischen Linken, bot Rönneper an, die Oberbürgermeisterin von Köln oder auch die damalige Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen anzuschreiben. Beide, die Oberbürgermeisterin der Stadt Köln sowie die damalige Ministerpräsident, Frau Kraft (SPD) haben bis heute nicht auf seinen „Bettelbrief“ geantwortet.

– Karl Schiewerling, MdB (CDU), Vorsitzender der Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales beantwortete für Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und arbeits- und sozialpolitischer Sprecher der Fraktion, Rönnepers Bettelbrief. Er ging in einen 2-Seiten-Brief grundsätzlich differenzierter zu Werke, als die meisten anderen Schreiber. Er formulierte, dass er Rönnepers Situation „verstehen“ könne, sie (die CDU/CSU) ließen „die Menschen in schwierigen Situationen aber nicht fallen“. Man hätte bei der Erwerbsminderungsrente „bereits nachgebessert“. Er beschrieb in seiner Rückantwort (als konventioneller Brief) die Grundsatz-Problematik der Erwerbsminderungsrente, dass dies Höhe von vielerlei Fakten abhinge. Man wolle „die Situation der Erwerbsminderungsrentner weiter im Blick behalten“ und … sehen ob man „weitere Verbesserungen erreichen könne“.

– Katharina Erbeldinger (SPD), Referat la2 – Wohlstandsmessung, Armuts- und Reichtunsfragen, antwortete für Andrea Nahles (SPD), Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Sie schrieb, dass sich der Entwurf eines Erwerbsminderungsrenten-Leistungsverbesserungsgesetz im parlamentarischen Verfahren befände, die Höhe der Erwerbsminderungsrente solle sich weiter verbessern und dieses trüge auch „zu einer Erleichterung“ von Rönneper bei.

– Thilo Sarrazin, Jurist und Autor, Finanzsenator im Berliner Senat a. D. (SPD) schreibt: „… Wenn Sie selbst kochen und auf den Kauf von Fertigmahlzeiten verzichten, können sie sich für 120 bis 150 Euro im Monat sehr gesund ernähren. Es besteht daher von der materielle Situation eines Empfängers von Grundsicherung überhaupt keine Notwendigkeit, die Dienste einer Tafel in Anspruch zu nehmen.

Weitere Antwortende hielten sich meist im Allgemeinem, bedauerten Rönnepers Situation, könnten aber aus vielerlei Gründen nicht helfen. Die angeschriebenen Damen und Herren der Wohlfahrtsverbände nannten konkrete Ansprechtspersonen oder verweisen auf Webseiten oder Empfehlungen.

Fazit: Die Broschüre liest sich in einem Rutsch durch, die Texte sind in einfache Worten gefasst. Soweit gut. Nur, was „bringt“ dem Leser der Inhalt? Das Thema Altersarmut ist bekannt, es wird breit in der Öffentlichkeit diskutiert. Auch ist nicht neu, dass unser deutsches Rentensystem eines der schlechtesten in Europa ist (siehe Blogartikel), Wartezeiten und Überlastungen der Tafeln sind bekannt und ein Skandal.

Keine Frage, Erwerbsminderungsrenten sind selbst bei Zuschuss durch Grundsicherung zu gering, zu viele fallen durch das Raster, landen bei den Tafeln. Und Armut scheint mehr und mehr zu einem Massenphänomen zu werden. Nur, welche Lösungen sind zu finden? Dem Leser bleiben auch nach dem Ende der Lektüre viele Fragen. Es mag interessant sein, wie die Politiker, Promis und Personen der Öffentlichkeit auf den Bettelbrief antworten. Doch was „bringen“ diese dem Leser? Wenig. Vom Autor kommt nichts, womit er den Leser, der selbst von Armut betroffen oder bedroht ist, „auffangen“ könnte. Warum stellt er keine Forderungen? Wo ist der Mut, wo Aufbegehren, wo Revolte? Oder ist das zu viel verlangt? Bei dem Thema? Von den Promis konnte man nicht viel erwarten. Aber vom Autor. Diese Chance nutzte er nicht, Somit ist der Lesernutzen = minimal. Schade. Man hätte mehr draus machen können.

Über den Autor:
Joachim Rönneper, geboren 1958 in Düsseldorf, studierte Germanistik und katholische Theologie in Münster, ist Autor, Ausstellungsmacher und Herausgeber zahlreicher Anthologien im Kontext von Kunst und Literatur. Er lebt und arbeitet in Köln.

Über den Autor

Willi Schewski
Seit 2008: mobile journalist, Multimedia Storyteller. Mobiler Reporter. Fotojournalist. Fotograf. Blogger

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