Buchtipp: „Deer driif en heef foont sööden jurt“ (Es trieb ein Meer von Süden her) von Erk Petersen

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Er zählt als Schriftsteller in seiner Muttersprache, der Westermooringer Variante des Bökingharder Friesischen, mit zu den einflussreichsten nordfriesischen Literaten*: der in Flensburg lebende Erk Petersen. Vor Kurzem veröffentlichte Petersen sein neuestes Werk: „Deer driif en heef foont sööden jurt“ (Es trieb ein Meer von Süden her). Das von Literaturwissenschaftler Ingo Laabs herausgegebene 172 Seiten starke Buch enthält philosophische Gedanken, eigene Erinnerungen, Gedichte, Geschichten und, wie sie Petersen nennt, „rekonstruierter Folklore*“. Die Texte sind jeweils auf Deutsch und Friesisch verfasst. Herausgeber Ingo Laabs schrieb jeweils die Einführung und das Nachwort und bietet einen Einblick in übergreifende Inhalte des Textes.

Durch Erzählen wird uns das Weltgeschehen erst zu eigen“ Erk Petersen
Der Autor Erk Petersen wurde 1946 in Niebüll geboren und ist ein echtes nordfriesisches Kind. Er ist geprägt von der nordfriesichen Landschaft, den Menschen, deren Sprache, Bräuche und deren Geschichten. Und so sollte es auch sein, dass Petersen beruflich stark mit Nordfriesland und der Sprache, dem Nordfriesischen, verbunden sein sollte. Nach dem Abitur studierte Petersen in Kiel. Nach einem kurzen Ausflug in die Naturwissenschaften, studierte er Indologie mit den Nebenfächern Niederländische und Friesische Philologie. Das Schreiben und die Förderung der friesischen Sprache sollte fortan sein Steckenpferd sein.

Erste Gedichte Petersens fanden Platz in der Zeitschrift „Frisica Nova“ und der Anthologie „friisk fees“ („Friesische Ferse“). 1973, also mit 27, stellte er sein deutsch-friesisches Wörterbuch (in der Westermooringer Mundart) zusammen, das es bereits in der 5. Auflage gibt. Auch danach sollten weitere Veröffentlichungen folgen wie in den „Friesichen Nachrichten“, einem Heimatkalender und der inzwischen eingestellten Literaturzeitschrift „Noost“.

Petersens Texte seien, wie Ingo Laabs meint, „Orte jenseits der Massenkultur, die das `Ewige, Unvergängliche` durch die Fassade der Welt schimmern lassen“. Die Lektüre dänischer und schleswig-holsteinischer Folkloresammlungen habe Petersen „bewusst gemacht“, dass „in der Volkssprache viel mehr gedacht und gesprochen wurde, als man sich vorstellen konnte“. (Zitat „Deer driif en heef foont sööden jurt“, Seite 13)

Auf den Inseln und dem Festland Nordfrieslands gibt es heute noch neun verschiedene nordfriesische Dialekte (eines davon das Westermooringer). Diese sind untereinander teils kaum verständlich. Von etwa 164.000 Einwohnern des Kreises Nordfriesland sprechen noch etwa 10.000 Nordfriesisch.

Im „Roten Buch der bedrohten Sprachen“ der UNESCO wird Nordfriesisch als „ernsthaft gefährdet“ eingestuft. Die nordfriesische Sprache ist in Schleswig-Holstein durch die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen als Minderheitensprache geschützt. Ende 2004 beschloss der schleswig-holsteinische Landtag zudem das „Gesetz zur Förderung des Friesischen im öffentlichen Raum“, in dem die Verwendung der Sprache im Amtsgebrauch im Kreis Nordfriesland und auf Helgoland geregelt wird.

Und dieses „Ewige, Unvergängliche durch die Fassade der Welt schimmernd Lassende“ zieht sich durch Petersens „Deer driif en heef foont sööden jurt (Es trieb ein Meer von Süden her)“. Aus Sicht des Verfassers seien hier drei Geschichten hervorgehoben:

1.: „Unsere Arche Noah“ (Seite 128), die vergessene Begebenheiten beschreibt; 2: „Güüsche von Galmsbüll. Eine Schweine- und Wandergeschichte“ (Seite 82), die auf vergessene Gefühle eingeht; und 3.: „Warum Momme Haiens so freigebig war. Von Tille Wiemerns nacherzählt“ (Seite 112), die vergessene Sehnsüchte aufgreift. Was allen drei genannten „rekonstruierten Folkloren“ eint, ist, das Petersen als Grundlage Überlieferungen der „Cimbrischen Halbinsel“** verwendete (Seite 13).

Die Titelgeschichte „Deer driif en heef foont sööden jurt“/“Es trieb ein Meer von Süden her“ (Seite 34) dürfte Erk Petersens persönlichster Text sein. Dieser sei, wie der Autor betont, „nach einer langen, immensen Auseinandersetzung“ entstanden.

Petersen wollte seinen Vetter Peter aus dem „Vergessenwerden“ heraus holen, der im 2. Weltkrieg gefallen ist und den er nie kennenlernen konnte. Der Kern der Geschichte beruht auf Erzählungen seiner Familie, diese hätte ihn als Kind „tief berührt“. Er schreibt: „Die Sentimentalität, die mich auch heute noch ergreift, wenn ich an sein Schicksal denke, erschien mir aber nicht geeignet, um sie einfach so mit einer persönlich nur wenig berührten Öffentlichkeit zu teilen.

Fazit: Petersens „Deer driif en heef foont sööden jurt“/“Es trieb ein Meer von Süden her“ bietet nicht nur spannende Texte und ein Eintauschen in das „Ewige, Unvergängliche durch die Fassade der Welt schimmernd Lassende“ sondern bietet dem Leser auch reichlich Lokalkolorit. Beispiel: Wer, der sich nicht in Nordfriesland auskennt oder dort lebt oder lebte (wie der Verfasser), kennt schon die „Rantzauhöhe“ (dänisch Randselbjerg, auch Værkshøj, nordfriesisch Wiarkshuuch, auch Ranselsberag)? Sie ist die dritthöchste Erhebung in Nordfriesland, sie liegt im Langenberger Forst, ist 45 m hoch, und findet sich in der Nähe der Gemeinden Enge-Sande, Leck und Stadum.

An wen wendet sich das Buch? An alle, die Nordfriesland lieben, die Landschaft, die Menschen, die Geschichten. Petersen ist es nicht nur gelungen, wunderschöne Geschichten aus längst vergangenen Zeiten der Nordfriesen hervorzuzaubern sondern auch diese schöne Landschaft an der Marsch und Geest zu beschreiben. Für Geschichts-Interessierte und Wanderer dürfte dieses Buch eine Fundgrube sein, reizt es doch um Ausflüge in die hübsche Landschaft Nordfrieslands zu unternehmen und die Orte von Petersens „rekonstruierte Folklore“ zu entdecken. Der Verfasser meint: „Deer driif en heef foont sööden jurt“/“Es trieb ein Meer von Süden her“ von Erk Petersen ist eine Leseempfehlung!

Das Buch kann in jeder guten Buchhandlung erworben werden!
ISBN 978-3-945743-09-9
Institut für Skandinavistik, Frisistik und Allgemeine Sprachwissenschaft
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Christian-Albrechts-Platz 4
24098 Kiel

* Quelle: Thomas Steensen Nordfriisk Instituut

** Die Kimbrische Halbinsel (lat. chersonesus cimbrica, dän. kimbriske halvø), oder auch Cimbrische Halbinsel bzw. Jütische Halbinsel, ist eine Halbinsel zwischen Ostsee und Nordsee, die sich von der Elbmündung im Süden über eine Länge von ca. 450 km bis Grenen in Vendsyssel im Norden erstreckt. Sie umfasst Jütland (dän. Jylland), den kontinentaleuropäischen Teil Dänemarks, den Großteil des deutschen Bundeslandes Schleswig-Holstein und den nördlich der Elbe gelegenen Teil Hamburgs. Quelle: Wikipedia

Über den Autor

Willi Schewski
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1 Kommentar zu "Buchtipp: „Deer driif en heef foont sööden jurt“ (Es trieb ein Meer von Süden her) von Erk Petersen"

  1. Schön, so besprochen zu werden.

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