Kommentar zu: TV-Doku „Europas Muslime – Auf Reisen mit Hamed Abdel-Samad und Nazan Gökdemir“

Unbenannt

Vor einem Jahr (14.04.2017) lief auf ARTE die zweiteilige Dokumentation „Europas Muslime – Auf Reisen mit Nazan Gökdemir und Hamed Abdel-Samad.“* Auch wenn die Doku schon vor über einen Jahr im TV gezeigt wurde, so hat das Thema Intoleranz gegen Andersdenkende und Religionskritiker nach wie vor Aktualität. Kommentar zu Teil 1 der Doku:

In dem Film wird ab Min. 35 ein muslimisches Fest gezeigt; augenfällig: fast alle Frauen sind bedeckt, mit Kopftüchern, die Männer und Jungs nicht. Für den Verfasser (Atheist), als bekennender Nicht-Gläubiger, wirken die Bilder, die mitten aus Deutschland stammen, wie eine fremde Welt, für ihn als Fotojournalist und Blogger aber auch eine Welt, die es zu entdecken gibt.

Der Verfasser kann nur mit Mühe tolerieren, warum Frauen bedeckt sein müssen. Er meint: das hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun, das ist Unterdrückung. Warum darf eine muslimische Frau auf einem Fest nicht ihre Schönheit, ihre Weiblichkeit offen zeigen? Um sie vor den Blicken der Männer zu schützen? Ein extrem dünnes Argument, ein Argument der Unterwerfung und nicht der Freiheit.

In sofern ist dieses, was in dem Film gezeigt wurde, eine Parallelwelt. Eine Welt, in der der Verfasser so, als aufgeklärter Europäer, als Demokrat, nicht leben könnte und wäre ich ein muslimisches Mädchen, könnte er dieses auch nicht aushalten, er würde rebellieren und diese Welt verlassen wollen.

Diese uns Deutschen so andere Welt gehört aber zu Deutschland, diese zwei Welten und Kulturen, die christliche, westliche, wie auch muslimische zusammenzuführen ist keine einfache Aufgabe.

Positiv zu bemerken ist, es wird ENDLICH diskutiert, Welten, Religionen, Kulturen finden zueinander, wenn man redet, kann man einander entdecken.

Und, es gibt auch sie: die liberalen Muslime, die demokratisch denkenden und handelnden, die akzeptieren, das Frau kein Kopftuch/keine Komplettbedeckung tragen will und muss, die leben, lernen, lieben will, weil es das Gesetz der Freiheit in Deutschland so erlaubt.

Es ist gut so, dass es Personen in der muslimischen Community gibt, die sich für diese Freiheitsrechte, die unsere Verfassung garantiert, einsetzen und dafür kämpfen; z.B. Ahmad Mansour, Lamya Kaddor und andere*.

Bedenklich ist, dass nicht wenige von ihnen, beleidigt und bedroht werden. Erlaubt der konservative Islam in der Erziehung keine freie Entfaltung der Menschenwürde? Warum ist das so?

Warum gibt es auf der einen Seite Muslime, die in ihren Familien demokratisch und gewaltfrei aufwachsen und integriert sind und auf der anderen, antidemokratisch? Warum kann nicht akzeptiert werden, das das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit ein hohes Gut ist und bitte in jeder Familie, in jeder Kultur gelten muss? In der deutschen wie der muslimischen, wie der jüdischen und der atheistischen.

Doch zurück zum Film: Am Ende der Szene wird es aggressiv. Das TV Team wird beschimpft, um Hamed Abdel-Samad wird es gefährlich. „Bald ist hier auch Frankreich“, schreit ein Mann aus einem Pulk. Diese Gruppe von Männern zeigt sich unfähig zum Dialog.

Und genannte Szene zeigt, so die Auffassung des Verfassers, die Parallelwelt auf, hier zeigt sich, wo Intoleranz waltet. Warum kann Kritik nicht human ausgetragen werden? Wessen Eitelkeit wird verletzt? Wessen Eifersucht kommt zutage? Welcher Neid offenbart sich? Die des Kritikers oder die der Kritisierten?

Empfangen wurde Nazan Gökdemir von Pinar Cetin; eine zwielichtige Person. Sie protestierte 2016 gegen die Armenien-Resolution des Bundestages. Zudem kandidierte sie im September 2016 als unabhängige Kandidatin für Berlin-Neuköln, wobei ein Hauptanliegen von ihr darin bestand, am Berliner Neutralitäts-Gesetz zu „rütteln“.

Der Film offenbart den inneren Konflikt zwischen konservativen und aufgeklärten Muslimen. Und diesen Konflikt hat es schon immer gegeben, seit erste Muslime nach Deutschland nach dem Krieg kamen. Nur, es wurde nicht über den Konflikt und die teilweise nicht stattgefundene oder missglückte Integration geredet. Man hat nicht mit den Muslimen über ihre Probleme, den erlebten Rassismus geredet, man hat in Deutschland vieles versäumt, Menschen anderen Glaubens, seriös zu integrieren.

Und der Film zeigt auch den Konflikt des Hamed Abdel-Samad, der, so die Auffassung des Verfassers, nur das Recht auf freie Meinung zum Ausdruck brachte und offenbar viele Muslime verletzte. Und mittendrin Nazan Gökdemir, die den Konflikt nah miterlebt und der angst wird. Es fließen Tränen, es kommen Ängste auf und es entblößen sich unerfüllte Wünsche, nach persönlichen Frieden, nach Freiheit.

Und: darf die Frage gestellt werden: Wie sehr ist unsere Freiheit, unser Recht auf freie Meinungsäußerung und Entfaltung in Gefahr? Warum ist es in Deutschland wieder gefährlich, seine freie Meinung zu äußern? Warum stehen einige Islamkritiker unter Morddrohung und müssen geschützt werden? Was macht die Menschen so aggressiv? Wer ist denn in Gefahr? Die Drohenden oder die Bedrohten? Fühlen sich die Drohenden in Gefahr? Welche?

Wer die Auffassung eines Anderen nicht toleriert und statt dessen mit Gewalt und Gewaltaufruf reagiert, muss sich fragen, ob er Demokratie lebt und hinter unserer Verfassung steht.

Es ist dabei gleich, ob jemand Islamkritiker ist oder sonst wie seine Welt anders und kritisch und distanziert sieht: Wer anders denkt, fühlt, lebt und handelt und dieses im Gleichklang mit unserer Verfassung tut, hat dazu das Recht, dass steht in unserer Verfassung, dass ist ein Menschenrecht – und das ist verdammt nochmal gut so!

* Mouhanad Khorchide, Erdal Toprakyaran, Lamya Kaddor, Marwan Abou Taam, Ralph Ghadban, Ahmad Mansour, Abdul-Ahmad Rashid, Güner Yasemin Balci, Cigdem Toprak, Ali Yildiz, Düzen Tekkal = Muslimisches Forum Deutschland

Ist der Islam eine Religion der Gewalt? U.a. dieser Frage widmet sich die zweiteilige Dokumentation „Europas Muslime“. Im Sommer 2016 haben sich dazu die Journalistin Nazan Gökdemir und der Politikwissenschaftler und Publizist Hamed Abdel-Samad auf eine Reise durch Europa begeben, um mit Muslimen zu sprechen.

Im Kopf: viele Fragen, viele Ansichten, viel Unsicherheit und eine Menge Gesprächsbedarf. Was wissen wir heute eigentlich über den Islam und die Muslime? Wie leben sie? Welche Rolle spielen Tradition, Glaube, Regeln, Familie und Politik? Was bewegt sie?

Und wie sehen sie sich selbst in Europa? In Berlin trafen Gökdemir und Abdel-Samad unter anderem auf den Islamologen Bassam Tibi, der einst die Vision eines „Euro-Islam“ entwarf. Sie sprachen mit der Autorin Sineb El Masrar („Muslim Girls“) über Emanzipation im Islam und treffen in Paris den ehemaligen Großmufti von Marseille und Verfechter des französischen Laizismus, Soheib Bencheikh.

Gemeinsam mit dem Brüsseler Polizisten Hamid Benichou zogen sie durch den berüchtigten Stadtteil Schaerbeek, der zuletzt als Hort des Terrorismus in die Schlagzeilen geriet. Und sie besuchten die Große Moschee im spanischen Granada – dort, wo die Muslime im 8. Jahrhundert erstmals ihren Weg über die Iberische Halbinsel nach Europa fanden.

Foto: Ausschnitt & Bildschirmfoto zu: Europas Muslime (1/2) – Auf Reisen mit Hamed Abdel-Samad und Nazan Gökdemir

Über den Autor

Willi Schewski
Mensch // Fotograf // Fotojournalist // Videojournalist // Blogger

Kommentar hinterlassen zu "Kommentar zu: TV-Doku „Europas Muslime – Auf Reisen mit Hamed Abdel-Samad und Nazan Gökdemir“"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*