„Die Meerjungfrau“: Kitschig, trival und klischeehaft

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Am 19.Juli 2017 ist bei BoD der Roman „Die Meerjungsfrau“ von der Autorin Beate Lindemann erschienen. Es ist bereits ihre zweite Veröffentlichung nach dem 2016 im selben Verlag erschienenen Sachbuch „Hör auf Dich: Selbstbestimmt leben nach sexueller Gewalt und Misshandlung in der Kindheit“ (siehe Rezension im Blog). Während die erste Veröffentlichung noch auf positives Echo beim Verfasser stieß, schätzt er den Roman „Die Meerjungsfrau“ als einzige Enttäuschung ein.

Die Ausgangsfrage, die sich der Rezensent stellte, war: Konnte es gelingen, nach einem Sachbuch über das „selbstbestimmte Leben nach sexueller Gewalt und Misshandlung in der Kindheit“ nun einen Roman zu liefern, der dem gleichen Thema (sexualisierte Gewalt) gerecht wird? Und konnte es der Autorin gelingen, Spannung beim Leser zu wecken und Lust am Lesen? Die Messlatte hatte die Autorin schon recht hoch gelegt – und um die Antwort zu liefern: nein. Das Buch wird dem Thema nicht gerecht. Warum? Das wird hier nun aufgeführt.

Inhalt
Beate Lindemann beschreibt diesen wie folgt: „Liz, die sich in ihrem Ferienhaus in Schweden aufhält, versucht ihrem Leben ein Ende zu setzen. Gerade noch rechtzeitig wird sie von Ove, einem älteren Nachbarn, gerettet. Nach und nach fächert sich vor uns auf, dass Liz als Kind sexueller Gewalt und den tiefen Verstörungen innerhalb ihrer Familie ausgeliefert war. In Ove findet Liz einen väterlichen Freund und in seinem Ziehsohn die Liebe. Weitere Menschen und das geheimnisvolle „Gaddesanda“ gewinnen an Kontur und Bedeutung. Mit der Zeit beginnt Liz, wieder einen Sinn in ihrem Leben zu sehen.

Liz enscheidet sich schließlich, nach Schweden umzuziehen. Um ihre Wohnung zu verkaufen und alles für ihre Umsiedelung zu organisieren, reist sie nach Deutschland zurück. Hier erwartet sie erneut der Kontakt mit ihrer Familie.
Als sie zusammen mit ihrer Freundin und ihrer Schwester ihren Bruder mit seiner Täterschaft konfrontiert, kommt es zum Showdown.“

Einschätzung:
Zunächst sei positiv hervorgehoben, dass Beate Lindemann eine talentierte Schriftstellerin ist. Sie hat mit „Die Meerjungfrau“ ein 240 Seiten starkes Fleißwerk geschaffen. Sie schreibt flüssig, klar und für den Leser leicht verständlich.

Bisweilen wartet die Autorin mit poetisch gelungenen Textpassagen auf („Sie befühlte mit einer Hand das Gras unter ihrer Handfläche, ließ ihre Finger bis zur Erdoberfläche gleiten, fühlte Anders Schulter an ihren Wangen, und sah hinauf in den lodernden Himmel“) und ihre Naturbeschreibungen lassen erahnen, dass die Autorin eine sensible Beobachterin ist. Doch dieses reicht aber nicht aus, um einen spannenden, großartigen Roman zu schreiben, der sich ob des Stoffes „sexualisierte Gewalt“ geradeso anbot.

Kritik
Dem Verfasser missfiel, dass sich die Autorin, schon nach einem holprigen Einstieg, zu oft in langweilige Details verheddert und – zu allem Übermaß – auch noch ins Kitschige/Triviale a la Rosamunde Pilcher (die mit ihren Schnulzen immerhin weltweit Erfolge feiert) abdriftet. Beispiel: „Er ließ zu, dass ihm (Anmerkung: der Anwalt von Liz!), dass ihm Tränen der heißen Verzweiflung die Wange herunterliefen …`Mein Schatz`flüsterte er ihr ins Ohr.“

Weiter sei zu kritisieren, dass Lindemann immer wieder Nebensächlichkeiten des täglichen realen Lebens einschiebt, die in einen Roman (ist ein Roman, ist ein Roman) nichts zu suchen haben und den Leser langweilen: „‚Sie hatte vergessen, die Heizung der drohenden Kälte anzupassen, aber jetzt war sie im Nachtmodus …“.

Was dem Verfasser am meisten verstimmt, ist, dass sie das schwere Thema sexualisierte Gewalt, Familien-Inzest, Rache, Mord und Tod mit einer Oberflächigkeit und Distanz beschreibt, die einem schon weh tun.

Die Handlungen wirken wenig originell, die Dialoge langweiliger wie die Verlesung der Lottozahlen am Samstag-Abend. Selbst die wichtigsten Figuren eines „guten“ Romans wie Held und Gegner kommen nicht wirklich zur Gestaltung.

Das, was die Autorin in ihrem Roman unter „Showdown“ ankündigt, wirkt hektisch zusammengeschustert und fad konstruiert, wenig originell und trivial.

Das am Ende der Geschichte jemand getötet wird, löst offenbar kein Trauma aus, noch nicht einmal die verantwortliche Person schien fulminante Gefühlsausbrüche zu haben. Wie auch? Dem Leser kommt der Verdach nah, hier wird die Geschichte schnellstmöglich abgewickelt.

So fad wie die Geschichte begann, so blumig-lau endet sie auch: „`Welch ein Glück`, dachte Liz, es war die Sonne, die die Kraft besaß, all die Knospen und die Blumen, die noch unter der Erde und im Inneren der ruhenden Stiele schliefen, aus ihren Höhlen herauszuziehen“. Na, dann gut Kraft!

Facebook-Präsenz von Beate Lindemann (hier)
Webseite Beate Lindemann (hier)

Über den Autor

Willi Schewski
Seit 2008: mobile journalist, Multimedia Storyteller. Mobiler Reporter. Fotojournalist. Fotograf. Blogger

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